Bundesweit erstes Nachsorgenetzwerk für junge Strafentlassene kann Arbeit aufnehmen

Datum: 15.04.2005

Kurzbeschreibung: Goll: „Wichtige Lücke in der Betreuung entlassener Straftäter wird geschlossen.“

Bundesweit erstes Nachsorgenetzwerk für junge Strafentlassene kann Arbeit aufnehmen

Goll: „Wichtige Lücke in der Betreuung entlassener Straftäter wird geschlossen.“

In Baden-Württemberg steht einem bundesweit einmaligen Resozialisierungsprojekt nichts mehr im Wege. Heute erfolgte in Stuttgart zwischen dem Trägerverein „Projekt Chance e.V.“ und einer Bietergemeinschaft justiznaher Verbände die Vertragsunterzeichnung für ein landesweites Nachsorgenetzwerk für junge Strafentlassene. Die Landesstiftung Baden-Württemberg stellt dem Projektträger „Projekt Chance e.V.“ hierfür Stiftungsmittel in Höhe von 1,2 Millionen Euro, verteilt auf drei Jahre, zur Verfügung. Das Nachsorgeprojekt wird am 1. Juli 2005 seine Arbeit aufnehmen.

Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll (FDP), der zugleich Vorsitzender des Trägervereins „Projekt Chance“ ist, erklärte: „Mit dem Nachsorgeprojekt schließen wir eine wichtige Lücke in der Betreuung entlassener Straftäter. Den nicht selten zu beobachtenden Absturz gerade junger Strafgefangener in das so genannte ´Entlassungsloch´ kurz nach ihrer Haftentlassung gilt es durch aktive Unterstützung bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, Schuldner- und Suchtberatung oder Familienhilfe so weit wie möglich aufzufangen. Der Allgemeinheit ist am meisten geholfen, wenn junge Strafentlassene den Ausstieg aus der Kriminalität schaffen und nicht mehr rückfällig werden. Mit der Nachsorge geben wir ihnen eine echte Chance zu einem Leben in sozialer Verantwortung ohne Straftaten. Für die Durchführung der Nachsorge stehen mit den drei Dachverbänden der baden-württembergischen Bewährungshilfe bestens qualifizierte und sachkundige Partner bereit“, so Goll.
Prof. Dr. Claus Eiselstein, Geschäftsführer der Landesstiftung Baden-Württemberg, erläuterte die Gründe für die finanzielle Förderung des Nachsorgeprojekts: „Kriminalität ist ein gesellschaftliches Problem, das uns alle angeht. Präventive Maßnahmen stehen deshalb im Vordergrund, um Kriminalität erst gar nicht entstehen zu lassen. Doch auch dann, wenn Straftaten begangen wurden, ist es wichtig, dass den straffällig gewordenen Jugendlichen eine Chance für die Zukunft gegeben wird. Deshalb haben wir uns zur finanziellen Unterstützung des Nachsorgeprojekts entschlossen.“

Den Zuschlag für die Durchführung der Nachsorge hat eine Bietergemeinschaft erhalten. Sie besteht aus dem Badischen Landesverband für soziale Rechtspflege (KdöR), der bei der Vertragsunterzeichnung durch Walter Ayass vertreten war, des Weiteren aus dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband LV Baden-Württemberg, vertreten durch Hansjörg Böhringer sowie aus dem Verband Bewährungs- und Straffälligenhilfe Württemberg e.V., vertreten durch Klaus Pflieger. Für die Bietergemeinschaft arbeiten landesweit 47 Bezirks- und Mitgliedsvereine mit hauptamtlichen Diplom-Sozialarbeitern und ehrenamtlichen Kräften. Weitere Ressourcen im Projekt sind Studierende der Berufsakademie Stuttgart, die als Praktikanten in Justizvollzugsanstalten arbeiten und geeignete Gefangene motivieren sollen, sich betreuen zu lassen.

Für die Bietergemeinschaft erläuterte Böhringer das Konzept der Nachsorge: „Junge Strafentlassene im Alter von bis zu 27 Jahren, die nach ihrem Strafende keinen Bewährungshelfer als Ansprechpartner zur Seite stehen haben, werden für die Dauer von drei bis sechs Monaten von unseren Nachsorgekräften betreut. Sie erhalten jedoch keine finanziellen Zuwendungen sondern fachkundige psychosoziale Beratung in den zentralen Lebens- und Problembereichen. Wichtig ist auch, dass die Betreuung bereits im Vollzug kurz vor der Haftentlassung einsetzt, damit die Gefangenen auf die Freiheit und die plötzlich auf sie zukommende Selbstständigkeit vorbereitet sind.“ Böhringer rechnet mit bis zu 100 Fällen im Jahr. Pro Fall erstatte der Projektträger „Projekt Chance e.V.“ dem Dienstleister bis zu 4.000 Euro. Eine Stunde Nachsorge durch eine hauptamtliche Fachkraft oder einen ehrenamtlichen Betreuer sei einschließlich der Verwaltungskosten mit 40 Euro kalkuliert.

Goll ergänzte: „Ich bin überzeugt, dass sich die jungen Strafentlassenen bei einer solchen Nachsorge rasch ins normale Leben integrieren können und ihre Zukunft nicht mit der Begehung neuer Straftaten verbauen.“ Mit der Hilfe auf Zeit leiste das Nachsorgeprojekt einen weiteren Beitrag zur Verbesserung der inneren Sicherheit. Die Allgemeinheit werde nun ein Stück mehr vor rückfallgefährdeten Straftätern geschützt. Ohne die finanzielle Unterstützung der Landesstiftung Baden-Württemberg wäre dies jedoch nicht möglich, betonte Goll.

„Projekt Chance e.V.“ führt in Creglingen-Frauental bereits seit über einem Jahr mit dem Christlichen Jugenddorfwerk Deutschland e.V. ein bundesweit beachtetes Modellprojekt eines fortschrittlichen, zeitgemäßen und modernen Jugendstrafvollzugs durch. Dabei erhalten besonders Jugendstrafgefangene die Möglichkeit, die Strafzeit in einer Jugendhilfeeinrichtung für ein persönlichkeitsförderndes Erziehungsprogramm zu nutzen. „Mit dem Nachsorgeprojekt stellen wir den Verein auf zwei Beine und richten unser Augenmerk auch auf die nächste Alterstufe. Wir wissen, dass zum Ende des dritten Lebensjahrzehnts die Kriminalität zurückgeht und die Betroffenen in einer ersten Lebensbilanz gerade für nachsorgende und resozialisierende Bemühungen besonders empfänglich sind. Gerade die jungen Strafentlassenen sind kriminologisch gesichert einerseits besonders betreuungsbedürftig, andererseits aber auch noch kriminalpädagogisch ansprechbar. Hier gehen wir neue Wege in der Kriminalprävention. Zugleich werden wir das Projekt auch wissenschaftlich begleiten und evaluieren“, schloss Goll.

Stefan Wirz
Pressesprecher

Für Rückfragen wenden sich Journalisten bitte an den Pressesprecher des Justizministeriums, Stefan Wirz, Tel. 0711-2792103 oder 0171-5587001, E-Mail: pressestelle@jum.bwl.de.

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