Bildung im Strafvollzug 2004

Datum: 05.08.2005

Kurzbeschreibung: Goll: "Schulabschluss ist Schlüssel für Beruf und Arbeit nach der Entlassung. Rückfallquote junger Straftäter auch von Bildung abhängig."

„Um nach der Haft möglichst straffrei zu leben, ist für junge Straftäter ein Minimum an Bildung von großer Bedeutung“, erklärte Baden-Württembergs Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll (FDP) mit Blick auf die Bildungsstatistik für das Jahr 2004. Der Minister sieht in einer abgeschlossenen Berufsausbildung oder einem Schulabschluss den Schlüssel dafür, dass Haftentlassene überhaupt einen Fuß in die Tür der Arbeits- und Berufswelt bekommen. „Für die Gefangenen ist eine Perspektive für die Zeit nach der Haft das ´A und O´. Unsere Gesellschaft ist am besten geschützt, wenn es gelingt, die entlassenen Täter erfolgreich zu resozialisieren und in die Arbeitswelt zu integrieren. Besonders im Jugendstrafvollzug kann die Rückfallquote durch einen Schulabschluss erheblich gesenkt werden. Deshalb legen wir im baden-württembergischen Strafvollzug auf schulische Bildungsmaßnahmen großen Wert“, erklärte Goll.

Im Jahr 2004 konnte in den Gefängnissen von Baden-Württemberg die Zahl der staatlich anerkannten Abschlüsse im Vergleich zum Vorjahr von 553 auf 561 gesteigert werden. Das ist neuer Höchststand seit Inkrafttreten des Strafvollzuggesetzes von 1976. „Damit hat rund ein Viertel der 2.181 Gefangenen, die im vergangenen Jahr an schulischen Bildungsmaßnahmen teilnahmen, die wichtigste Weiche für eine erfolgreiche Wiedereingliederung in die Gesellschaft nach der Haftentlassung gestellt“, betonte der Justizminister.

Von den  561 erfolgreichen Teilnehmern absolvierten mit 305 Gefangenen mehr als die Hälfte den Berufsschulabschluss, 208 Gefangene erlangten den Hauptschulabschluss. 19 Häftlinge schafften die Mittlere Reife, einer das Abitur. 13 Inhaftierte erreichten mit Abschluss des Berufskollegs die Fachhochschulreife und 15 Gefangene führten ihr Studium im Rahmen eines Fernstudiums fort.

„So erfreulich der zu verzeichnende Höchststand ist, so bedenklich ist der erschreckend niedrige Bildungs- und Ausbildungsstand gerade der jugendlichen Strafgefangenen“, mahnte Goll. Nur etwa 50 % der Jugendlichen verfügten zum Zeitpunkt ihrer Inhaftierung über einen Hauptschulabschluss, etwa 10 % gar nur über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Bei den ausländischen Gefangenen, deren Anteil in der Strafhaft 2004 bei 32,0 % lag, bestünden vorrangig sprachliche und kulturelle Eingliederungsschwierigkeiten. Das gelte auch bei denjenigen Gefangenen, die in der Bundesrepublik verblieben. Deshalb sei besonders bei Aussiedler-Jugendlichen die Sprachförderung ein wesentlicher Faktor zur Wiedereingliederung. Zudem seien viele Gefangene lern- und arbeitsentwöhnt und würden in der Haftzeit keine Lebensperspektiven sehen. Neben der schulischen Bildung und der Berufsausbildung wird im Vollzug an der Stärkung der Eigenverantwortung gearbeitet, das soziale Lernen betont, die interkulturelle Kommunikation gefördert und ein Anti-Gewalt-Training angeboten. Insbesondere jugendliche Strafgefangene seien auf eine möglichst individuelle Förderung angewiesen. Gerade sie haben aufgrund ihrer Lebensgeschichte sehr oft als „Versager“ bereits in früher Kindheit gegolten. Mit der Zunahme des Selbstbewusstseins über primäre Lernerfolge könnten diese Jugendlichen auch andere Lern- und Lebensbereiche besser bewältigen, sagte der Justizminister.

Hauptziel aber sei die Steigerung der Zahl der staatlich anerkannten Schulabschlüsse, besonders des Hauptschulabschlusses. Auch gelte es, im Vollzug begonnene Bildungsmaßnahmen nach der Entlassung weiterzuführen oder in einem Arbeitsverhältnis fortsetzen zu können. Deswegen sei eine enge Zusammenarbeit mit den Bewährungs- und Straffälligenvereinen entscheidend.

Die Gefangenen zum Lernen zu motivieren, sei nach wie vor nicht leicht, so Goll. Dies liege zum Teil an der weiterhin zu beklagenden Überbelegung in einigen Anstalten und dem Mangel an Hafträumen, die ein ungestörtes Lernen ermöglichten. Vor allem die totale Veränderung des Lebensmilieus, der Abbruch von familiären und sozialen Beziehungen sowie die Sogwirkung der Alltagssubkultur in den Anstalten und die Ungewissheit über den Entlassungszeitpunkt bei Untersuchungsgefangenen zähle zu den strukturellen Erschwernissen für Bildungsmaßnahmen in den Gefängnissen, so der Minister. „Die besten Vorbilder und Motivationstrainer aber sind immer noch die Gefangenen selbst“, betonte Goll mit Blick auf einen Jugendlichen aus der Jugendstrafanstalt Adelsheim, der erster Kammersieger im Maurerhandwerk wurde. Mit ihm waren auch drei weitere Teilnehmer beim Landesinnungswettbewerb im Maurerhandwerk erfolgreich. In der Justizvollzugsanstalt Freiburg erwarben 13 Gefangene die Fachhochschulreife. In der JVA Ulm konnte durch eine verstärkte Einzelbetreuung ein Gefangener die Meisterprüfung im Ofen- und Luftheizungsbauerhandwerk mit Erfolg ablegen.

Schule und Unterricht werden von 42 hauptamtlichen Lehrerinnen und Lehrern organisiert und geleitet. Sie sind von den Justizvollzugsanstalten eingestellt. Etwa die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer arbeiten im Jugendvollzug in Adelsheim und dem Vollzug an jungen Erwachsenen, die andere Hälfte unterrichtet im Erwachsenenvollzug. Neben dem Unterricht für Gefangene gehört zum Aufgabengebiet auch die Bildungsberatung, der sonderpädagogische Unterricht, die Zusammenarbeit mit öffentlichen Schulen sowie die Koordination der Bildungskurse mit den anderen Maßnahmen der Vollzugsanstalten.

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