Projekt Chance - Experten ziehen positive Zwischenbilanz

Datum: 28.11.2005

Kurzbeschreibung: Goll: "Innovative und zielführende Wege"

Seit Ende 2003 betreiben die Vereine Projekt Chance e.V. in Creglingen und Prisma e.V. in Leonberg mit Unterstützung der Landesstiftung Baden-Württemberg und der Robert-Bosch-Stiftung einen modernen und zeitgemäßen Jugendstrafvollzug in Baden-Württemberg. Auf Einladung des Initiators dieses bundesweit einmaligen Projekts, Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll (FDP), zogen heute in Stuttgart Experten aus der Landes- und Kommunalpolitik, der Jugendhilfe und des Jugendstrafvollzuges sowie aus der Wissenschaft eine positive Zwischenbilanz.

Entscheidendes Ziel sei, Kriminalität bei den Jugendlichen zu verhindern, betonte Goll, der zugleich Vorsitzender des Trägervereins Projekt Chance e. V. ist. Damit sie möglichst nicht auf Abwege kämen, müssten den Jugendlichen frühzeitig Chancen gegeben werden. „Hier sind vor allem Eltern und Schulen gefragt, ihren Kindern frühzeitig gesellschaftliche Werte und Normen zu vermitteln und Perspektiven aufzuzeigen. Im Strafvollzug haben wir es aber in der Regel gerade mit den Jugendlichen zu tun, um die sich kein Elternhaus gekümmert hat und denen eine gewisse emotionale Anbindung schlicht fehlt“, erklärte der Minister. Er wies darauf hin, dass genau hier das Konzept des über die Landesgrenzen hinaus beachteten Projekts Chance mit innovativen und zielführenden Wegen ansetze.

In zwei Einrichtungen im Kloster Frauental in Creglingen und im Jugendhof Seehaus in Leonberg stehen insgesamt 30 Plätze für junge Gefangene zwischen 14 und 18 Jahre zur Verfügung. In Frage kommen alle jungen Gefangene aus der Jugendvollzugsanstalt Adelsheim, es sei denn, sie haben sich wegen Tötungs-, Sexual- oder Drogendelikten strafbar gemacht. Mit einem ca. einjährigen persönlichkeitsfordernden Erziehungsprogramm erhalten die jungen Gefangenen die Chance zum Ausstieg aus der Kriminalität. Sie sollen die Wiedereingliederung in die Gesellschaft schaffen und dem Jugendgefängnis Adelsheim dauerhaft den Rücken kehren.

Seit dem 1. September 2003 haben in Creglingen insgesamt zwölf Jugendliche das Erziehungsprogramm absolviert, in Leonberg schlossen seit November 2003 bislang fünf Jugendliche das Projekt erfolgreich ab, fast alle fanden auch einen Ausbildungsplatz. Von den „Creglingen“ erlangten neun Jugendliche eine Schul- oder Berufsausbildung oder fanden eine Arbeitsstelle. In Leonberg konnten sich alle fünf bisherigen Absolventen über einen Ausbildungsplatz freuen. Vom Einzelhandelskaufmann über Forstwirt, Zimmermann, Industriemechaniker, Lackierer, Bodenleger oder Maler bis hin zum IT-Elektroniker sind die verschiedensten Berufsfelder vertreten. In diesem Sommer haben zehn Jugendliche ihr Berufsvorbereitungsjahr und den Hauptschulabschluss in einem geschafft, der beste mit der Note 1,2, der schlechteste mit 2,4.

Goll erklärte zu den Anforderungen im Projekt Chance: „Wir können mit Fug und Recht sagen, dass die bisherigen Erfahrungen, die wir mit dem Projekt Chance gemacht haben, gut sind. Im Interesse der inneren Sicherheit von Baden-Württemberg bin ich fest entschlossen, diesen Weg weiter zu gehen“. Es habe sich zwar gezeigt, dass nicht alle jungen Gefangenen dem strengen Erziehungsprogramm gewachsen seien. So äußerten zwei Jugendliche nach nur wenigen Tagen die Bitte, wieder zurück ins Jugendgefängnis verlegt zu werden. Ihnen war der Alltag im Projekt Chance einfach zu stressig. Sieben Jugendlichen hätten sich seit Bestehen des Projekts nicht an die Regeln gehalten und zurück in den geschlossenen Vollzug gemusst. „Aber die weit überwiegende Zahl hat durchgehalten. Das lässt uns optimistisch in die Zukunft blicken. Wir reichen den Jugendlichen die Hand und zeigen ihnen klare Regeln und Grenzen auf. Umgekehrt lassen die Jugendlichen sich auch darauf ein und sitzen ihre Strafe nicht einfach ab. Bei diesem schlüssigen Konzept besteht eine große Chance, dass die jungen Leute nicht mehr rückfällig werden.“

Umso wichtiger, so Goll weiter, sei die Unterstützung der Landesstiftung Baden-Württemberg. Deren Geschäftsführer, MdL Herbert Moser, betonte den besonderen Stellenwert des Themas „Jugend“ in der Förderungspolitik der Stiftung. Moser wies darauf hin, dass das Geld der Landesstiftung in einem so vorzeigbaren Projekt wie dem „Projekt Chance“ gut angelegt sei. 8 Millionen Euro habe die Landesstiftung aus Mitteln der Zukunftsoffensive III für Creglingen zur Verfügung gestellt, 3,5 Millionen würden in den Jugendhof Seehaus in Leonberg fließen. Weitere 1,2 Millionen seien für das eng mit dem Projekt Chance verbundene Nachsorgenetzwerk für junge Strafentlassen vorgesehen. Ohne konkrete Summen zu nennen , ging Moser davon aus, dass das Thema „Jugend“ die Landesstiftung Baden-Württemberg auch in den kommenden Jahren nicht verlassen werde. Dies nahmen die Projektleiter in Creglingen und Leonberg, Dr. Thomas Trapper und Tobias Merckle wohlwollend zur Kenntnis. Aus ihrer Sicht sei die Konzeption tragfähig, müsse aber fortgeschrieben werden.

Der Leonberger Oberbürgermeister Bernhard Schuler und der Creglinger Bürgermeister Hartmut Holzwarth wiesen auf anfängliche Widerstände der Bürgerinnen und Bürger hin. An beiden Standorten hätten die Projekte aber nun dank der Informationspolitik der Träger und Dienstleister, der guten Arbeit der Mitarbeiter und der erbrachten gemeinnützigen Leistungen der Jugendlichen Akzeptanz gewonnen.

Prof. Dieter Dölling von der Universität Heidelberg, der zusammen mit Prof. Hans-Jörg Kerner, Universität Tübingen, das Projekt wissenschaftlich begleitet, zog ein vorläufiges Fazit: „Das Projekt Chance verfügt über eine ausgefeilte Konzeption, die den heutigen Standards für die Erziehung delinquenter junger Menschen voll entspricht. Die Konzeption wird nach meinen Eindrücken in der Projektpraxis konsequent umgesetzt. An die Probanden werden sowohl im Leistungsbereich als auch hinsichtlich des allgemeinen Sozialverhaltens hohe Anforderungen gestellt. Den Probanden werden die an sie gestellten Verhaltensanforderungen verdeutlicht, sie werden mit Fehlverhalten konfrontiert und auf Fehlverhalten wird konsequent reagiert.


www.projekt-chance.de oder www.prisma-jugendhilfe.de oder www.justiz-bw.de .

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