Justizminister veröffentlicht Zwischenbericht zum "Projekt Chance" - Wissenschaftler bescheinigen positive Entwicklung - Goll: "Wir sind auf dem richtigen Weg"

Datum: 28.07.2006

Kurzbeschreibung: Vor rund drei Jahren startete im Herbst 2003 in Baden-Württemberg das von Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll (FDP) initiierte bundesweit einmalige "Projekt Chance" mit Einrichtungen eines modernen Jugendstrafvollzugs in Creglingen (Kloster Frauental) und in Leonberg (Seehaus). Dort erhalten ausgewählte Jugendstrafgefangene zwischen 14 und 18 Jahren außerhalb von Gefängnismauern eine spezielle, in einen strengen Tagesablauf eingebettete Erziehung, die sie auf ein Leben in Freiheit ohne Straftaten vorbereitet. "Im Projekt Chance reichen wir gestrauchelten Jugendlichen mit Schul- und Berufsausbildungsprojekten die Hand zum Ausstieg aus der Kriminalität. Gleichzeitig zeigen wir ihnen klare Regeln und Grenzen auf", betonte Goll.

Seit der Gründung wird das von der Landesstiftung Baden-Württemberg finanzierte „Projekt Chance“ durch die kriminologischen Institute in Heidelberg und Tübingen wissenschaftlich begleitet. Gefördert von der Robert-Bosch-Stiftung haben Wissenschaftler unter Leitung von Prof. Dr. Dieter Dölling und Prof. Dr. Hans-Jürgen Kerner die Einrichtungen bis April 2006 untersucht und dem Justizministerium einen Zwischenbericht vorgelegt.

Darin stellen die Heidelberger Wissenschaftler fest, dass beide Einrichtungen auf dem Prinzip des sozialen Lernens im Rahmen einer positiven Jugendkultur basieren. Sie hoben bei der Analyse der Konzeption die Bedeutung des durchstrukturierten Tagesablaufs hervor, den hohen Stellenwert von schulischer und beruflicher Bildung, Sport und Gruppentraining im Alltag. Während man in Creglingen besonders auf die Arbeit in und mit der Gruppe setze, werde in Leonberg ein familienorientierter Lernansatz verfolgt. Die Jugendlichen selbst betonten das besondere Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den beiden Einrichtungen. Goll nahm dies zum Anlass, den Einrichtungsleitern und ihren Mitarbeitern für ihre Kompetenz und Einsatzbereitschaft zu danken. „Projekte wie diese stehen und fallen mit den Erziehern vor Ort“, betonte der Minister.

Die qualitativen Analysen der Tübinger Wissenschaftler zeigen in vier Bereichen positive Entwicklungen der Probanden:

- Neben dem Erwerb formaler Qualifikationen und der Verbesserung der Berufschancen berichteten die Jugendlichen von Veränderungen und positiven Entwicklungen in Kompetenzen, die für den Leistungsbereich wichtig seien.

- Kommunikative Fähigkeiten wüchsen aufgrund eines veränderten Umgangstons, und der Fähigkeit, Konflikte verbal zu lösen, Kritik anzunehmen und andere angemessen zu kritisieren.

- Die Jugendlichen würden sich im Unterschied zu früher in der Lage sehen, den gesellschaftlichen Leistungsanforderungen physisch wie psychisch gerecht zu werden. Sie machten die Erfahrung, von anderen Jugendlichen Anerkennung und Respekt ohne die Begehung von Straftaten entgegengebracht zu bekommen und ohne Suchtmittel wie Cannabis oder Alkohol Spaß und Lebensfreude haben zu können.

- Bei vielen Jugendlichen habe sich während und durch den Aufenthalt im Projekt Chance das Verhältnis zu ihrer Herkunftsfamilie deutlich verbessert. Bei einigen Jugendlichen sei der Kontakt zu den Eltern überhaupt erst wieder hergestellt worden.

Der Justizminister freute sich über die positive Zwischeneinschätzung der Kriminologen. „Die Ergebnisse sind ermutigend. Sie sprechen deutlich dafür, die Einrichtungen weiter zu betreiben und zu fördern. Wir sind auf dem richtigen Weg. Mit unseren Partnern werden wir den Bericht weiter auswerten und prüfen, ob und wo noch konkrete Änderungen in der Konzeption oder in der Praxis veranlasst sind. Der Bericht enthält auch wichtige Impulse für unsere laufende Arbeit an einem Jugendstrafvollzugsgesetz in Baden-Württemberg“, erklärte Goll.

Der Zwischenbericht der wissenschaftlichen Begleitung kann über die Homepage des Projekt Chance e.V. unter www.projekt-chance.de herunter geladen werden. Der endgültige Bericht mit Daten zu Rückfall und Bewährung der Probanden ist für Anfang des Jahres 2008 vorgesehen.


Hinweis:
In den beiden Einrichtungen des „Projekts Chance“ bestehen Plätze für insgesamt 30 jugendliche Straftäter. Diese werden nach einem strengen Auswahlverfahren von den Projektleitern in Zusammenarbeit mit der Anstaltsleitung der Justizvollzugsanstalt Adelsheim ausgesucht. Wer sich nicht an die strengen Regeln hält, wird in die Jugendvollzugsanstalt zurückgeschickt. Die Aufenthaltsdauer ist auf ca. ein Jahr angelegt. In Frage kommen keine Sexualstraftäter und keine Gewalttäter. Seit Gründung wurden in den Einrichtungen in Creglingen und Leonberg bislang insgesamt 71 Jugendliche aufgenommen.

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