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Justizminister stellt Resozialisierungsprojekte des Baden-Württembergischen Strafvollzugs vor - Goll: "Es gilt, Rückfälligkeit bei jungen Straftätern zu vermeiden"

Datum: 10.10.2006

Kurzbeschreibung: Auf einer Informationsreise in die Justizvollzugsanstalt (JVA) Adelsheim stellte Baden-Württembergs Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll (FDP) heute gemeinsam mit dem Anstaltsleiter Dr. Joachim Walter und dem Paritätischen Wohlfahrtsverband zwei Resozialisierungsprojekte des baden-württembergischen Strafvollzugs vor die deutschlandweit Vorbildcharakter haben. "Unser Ziel ist es, junge Strafgefangene nach ihrer Haftentlassung möglichst gut wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Das Projekt 'ISAB' und das 'Nachsorgeprojekt Chance' helfen dabei, dass die Jugendlichen nicht mehr rückfällig werden und keine weiteren Straftaten begehen", so Goll.

Projekt „ISAB“
Das Projekt „ISAB“ ist ein spezielles Projekt der JVA Adelsheim. Das Kürzel steht für die Integration junger Strafgefangener in die Arbeits- und Berufswelt nach ihrer Entlassung aus der JVA Adelsheim. Es existiert dort seit Februar 2006 mit einer separaten Dienststelle in einem eigenen Büro mit drei vollausgestatteten Arbeitsplätzen und wird über den Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert. Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Sozialministerium Baden-Württemberg, das die Mittelvergabe koordiniert und mit dem Berufsfortbildungswerk (bfw) des DGB Heidelberg, das für die Durchführung verantwortlich zeichnet.

„ISAB“ setzt bereits vor der Entlassung an, um den Übergang vom Gefängnisalltag in die Freiheit zu gewährleisten. Die noch inhaftierten Jugendlichen werden von den Betreuern bei der Erstellung ihrer Bewerbungsunterlagen und der Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche bei potenziellen Arbeitgebern unterstützt. Nach der Entlassung wird der ehemalige jugendliche Strafgefangene dann beim Arbeitsantritt, bei der Regelung seiner persönlichen und behördlichen Angelegenheiten und bei der Wohnungssuche begleitet. Eine noch nicht abgeschlossene berufliche Qualifikation soll durch die Vermittlung in einen Ausbildungsbetrieb nachgeholt bzw. abgeschlossen werden. Das Projekt umfasst ein Netzwerk von unterschiedlichen Einrichtungen vor Ort und in der Region. Dazu gehören die Justizvollzugsanstalt, die Bewährungshilfe, die Bundesagentur für Arbeit, berufliche Schulen, Schuldnerberatung, Jugendhilfeeinrichtungen, Gerichte und Staatsanwaltschaften, Straffälligenhilfe, Seelsorger und Kirchengemeinden, Verwaltung, Schulen, Ausbildungsbetriebe, Sozialpädagogen, Bildungsträger, kirchliche und caritative Einrichtungen, Industrie- und Handelskammern sowie Handwerkskammern und nicht zuletzt Firmen und Arbeitgeber.

„Der Nutzen des Projekts für die Teilnehmer liegt in der Integration in die Arbeitswelt“, betonte Justizminister Goll. Damit verbunden sei die Reduzierung der Rückfallgefahr und einer eventuellen erneuten Inhaftierung. „Die Gefangenen nehmen ´ISAB´ gut an“, berichtete Anstaltsleiter Walter. Seit April 2006 hätten bereits 150 Jugendstrafgefangene einen Projektaufnahmeantrag gestellt und seien damit Teilnehmer des Projekts. Von diesen 150 Jugendlichen seien inzwischen 63 Teilnehmer entlassen worden. Sie befänden sich nun im Rahmen der Projektarbeit im Bereich der Nachbetreuung. Insgesamt haben seit April 2006 547 Beratungsgespräche, 27 Agenturbesuche in ganz Baden-Württemberg und 83 Bewerbungstrainings in Gruppen und als Einzeltraining stattgefunden. Die derzeitige Vermittlungsquote liegt bei 68 % zum Stichtag 30. September 2006.

Nachsorgeprojekt Chance
Das einen ähnlichen Ansatz verfolgende „Nachsorgeprojekt Chance“ wurde in ganz Baden-Württemberg auf Golls Initiative hin im Juli 2005 gestartet. Es ist eingebettet in das ebenfalls auf die Idee des Justizministers auf das zurückgehende „Projekt Chance“, einem bundesweit einmaligen Projekt eines modernen Jugendstrafvollzugs. Angesprochen sind Gefangene, die ohne Bewährungshelfer entlassen werden sollen. „Wir wollen vermeiden, dass sie in das so genannte Entlassungsloch fallen. Oft wissen sie nach ihrer Entlassung nicht, wo und wie man sich um eine Arbeitsstelle bewirbt, wo sie wohnen sollen und welche Behördengänge notwendig sind. Dabei wird ihnen geholfen. Sie erhalten aber kein Geld von uns“, erklärte Goll. Erfahrungsgemäß drohe unmittelbar nach der Entlassung die größte Gefahr, dass diejenigen, die auf sich allein gestellt blieben, in ihre alten Cliquen zurückkehrten und wieder straffällig würden. Für die Durchführung des Nachsorgeprojekts wurde ein ausgeklügeltes System mit dem Ziel einer durchgängigen Betreuungsleistung entwickelt. Die Betreuung beginnt also nicht erst nach der Entlassung sondern in enger Kooperation mit den Mitarbeitern des Sozialdienstes der Vollzugsanstalten bereits in Haft. „Dabei lernen sich die Beteiligten kennen und bauen ein Vertrauensverhältnis auf“, betont Oliver Kaiser, Projektkoordinator des Paritätischen Wohlfahrtsverband, Baden-Württemberg e.V.. „So kann die Hilfe aus einer Hand und nach der Entlassung an der Hand erbracht werden“, so Kaiser. „Der Betreuer unterstützt und begleitet den Haftentlassenen vor Ort bei eigenen Problemen oder bei Krisensituationen in der Familie und am Arbeitsplatz“, so Kaiser weiter. Diese persönliche Kontinuität sei in der Sozialarbeit ein nachgewiesenermaßen wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Betreuung.

Seit dem gut einjährigen Bestehen des Nachsorgenetzwerks wurden landesweit bereits 242 Gefangene gemeldet, mit denen die Koordinatoren in den Justizvollzugsanstalten des Landes Kontakt hatten. Mit 135 Gefangenen wurde im Rahmen des Nachsorgeprojekts eine Betreuungsvereinbarung getroffen. Davon waren 117 Gefangene männlich. „Mit dieser Gesamtzahl von 135 Fällen konnten wir das erste Soll-Ziel des Nachsorgeprojekts erreichen. Aus finanziellen Gründen hat sich Projekt Chance e.V. vorgenommen, ca. 100 Fälle im Jahr betreuen zu lassen“, erklärte der Justizminister. Aus Mitteln der Landesstiftung Baden-Württemberg stünden im Jahr 400.000 Euro Betreuungsmittel zur Verfügung und es seien pro Betreuung ca. 4.000 Euro veranschlagt. Die Betreuung teile sich in 100 Betreuungsstunden zu je 40 Euro, verteilt auf ca. sechs Monate auf. An der Betreuung sind alle im Netzwerk der Straffälligenhilfe Baden-Württemberg angeschlossenen 21 Vereine beteiligt. Auf Seiten der Justizvollzugsanstalten waren 14 von 17 Anstalten beteiligt, aus denen in Baden-Württemberg Gefangene ohne Bewährungshelfer entlassen werden. Die meisten Nachsorgevereinbarungen wurden in den Anstalten der JVA Adelsheim (23), Rottenburg (19), Schwäbisch Hall (18) und Schwäbisch Gmünd (17) geschlossen. Aus diesen Anstalten werden auch die meisten jungen Gefangenen bis 27 Jahre entlassen. In 40 Fällen wurde der Kontakt seitens des Probanden früher oder später abgebrochen. „Das muss aber kein Scheitern der Betreuung bedeuten. Möglich ist, dass Probanden einfach keine Betreuung mehr wahrnahmen, nachdem bei ihnen die persönlichen Dinge ordentlich aufs Gleis gestellt waren“, bemerkte Goll. „Dennoch ist die Zahl der so genannten abgebrochenen Betreuungen für uns Anlass, ihnen im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung nachzugehen und die näheren Gründe zu erfahren“, so der Minister weiter.

„Ich bin froh, dass wir in Baden-Württemberg mit solchen Projekten einen echten Beitrag zur Resozialisierung leisten, der unmittelbar der Gesellschaft zugute komme. Denn am sichersten leben wir immer noch dann, wenn ein noch junger Straftäter nicht mehr rückfällig wird und seinen Platz in der Gesellschaft findet. Wer ihm dabei hilft, hilft am Ende uns allen!“, so Goll.

 

Foto: epd-Bild/Rainer Lang

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