Opferschutz vor Täterschutz - Justizminister würdigt Arbeit des Weißen Rings - Goll: "Das Opfer darf nicht im gesellschaftlichen Abseits stehen"

Datum: 10.11.2006

Kurzbeschreibung: Bei der Eröffnung einer Wanderausstellung des Weißen Rings im Karlsruher Amtsgericht lenkte Baden-Württembergs Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll (FDP) heute das Augenmerk auf die Schwächsten in der Gesellschaft, auf die "Opfer". Goll würdigte die vorbildliche Arbeit des Weißen Rings auf dem Gebiet des Opferschutzes. Neben der materiellen Unterstützung, die der Weiße Ring seit Jahrzehnten bedürftigen Opfern und ihren Familien gewähre, sei gerade auch der menschliche Beistand der ehrenamtlich Tätigen von nicht zu unterschätzender Bedeutung. "Der Weiße Ring kümmert sich in einzigartiger Weise um die Opfer", sagte Goll.

Opfer haben keine Mitschuld
„Jeder von uns kann in jeder Minute zum Opfer einer Straftat werden. Und niemand will das Opfer eines anderen werden“, gab der Minister zu Bedenken. Ein anderer Mensch, nämlich der Täter, greife massiv in den eigenen Lebensbereich ein. Neben der Tat an sich litten die Betroffenen einer Gewalttat zudem an Ohnmacht, Hilflosigkeit und Wehrlosigkeit. Der ernorme Verlust an Vertrauen in die Mitmenschen lähme und verursache Ängste, die oft viel langsamer heilten als ein Hämatom oder eine Wunde, betonte Goll. Zudem werde das Selbstbewusstsein massiv beeinträchtigt und nicht wenige Opfer fühlten sich nach der Tat ausgegrenzt. Oft machten sie sich Selbstvorwürfe und schämten sich sogar der Tat. „Das Opfer darf nicht im gesellschaftlichen Abseits stehen“, stellte Goll klar. „Ich habe großen Respekt vor mutigen Opfern, die ihre Stimme für sich und andere erheben und so zu einem Bewusstseinswandel bei der Rolle, die ein Opfer in der Gesellschaft spielt, verhelfen“. Als prominentes Beispiel nannte der Minister Richard Oetker, der 30 Jahre nach seiner Entführung erstmals beim Weißen Ring öffentlich über das sprach, was er erlitten hatte. Auch Natascha Kampusch, die über acht Jahre in der Hand ihres Entführers war, habe sich nach ihrer Flucht offensiv und stark dargestellt. „Diese Beispiele helfen anderen Opfern ungemein bei der Bewältigung des Erlebten“, so Goll.

Opferschutz vor Täterschutz
„Unser erstes Ziel muss sein, zu verhindern, dass überhaupt jemand Opfer wird. Wenn es aber doch geschehen ist, muss Opferschutz vor Täterschutz gehen“, betonte Goll. Ein Strafprozess behalte zwar notwendigerweise immer eine gewisse Täterorientierung. Denn strafend und schuldangemessen in das Leben eines Täters einzugreifen, sei nur möglich, wenn ihm die Tat zweifelsfrei nachgewiesen werden könne. Umso wichtiger sei aber, dass Richter und Staatsanwälte dabei das Tatopfer nicht nur als Beweismittel, sondern als Menschen mit Ängsten, Gefühlen und Unsicherheiten wahrnehmen würden. „Das geschieht auch immer mehr. Es gibt zudem erhebliche Anstrengungen, die äußeren Rahmenbedingungen in unseren Gerichten stärker an den Belangen der Opfer auszurichten“, sagte Goll. Das beginne mit auf den ersten Blick nebensächlich erscheinenden Maßnahmen, die aber erhebliche Bedeutung haben könnten. So seien die Einrichtung eines ansprechenden Wartezimmers für Zeugen, um Wartezeiten zu überbrücken, mancherorts schon Wirklichkeit. Das gehe weiter mit der Einführung von Zeugenbegleitprogrammen durch Referendare oder ehrenamtliche Helfer. Zum angemessenen Umgang mit Opfern im Strafverfahren gehörten auch die Bereitstellung eines Opferanwalts, die Vermeidung der direkten Konfrontation mit dem Täter und die Einrichtung eines kindgerechten Vernehmungszimmers. „Manchmal genügt aber auch einfach nur ein Glas Saft zur richtigen Zeit“, erklärte der Minister. „Alles vielleicht keine spektakulären Maßnahmen, aber sie zeigen dem Tatopfer, dass seine Belange ernst genommen werden“, so der Minister. Auf seine Initiative hin wurde im März 2001 in Baden-Württemberg die Landesstiftung Opferschutz ins Leben gerufen. „Sie gewährt im Einzelfall Schadensbeihilfen bis zu 25.000 € und Schmerzensgeld bis zu 10.000 €. Auch fördert sie Organisationen, die sich der Beratung und Bereuung von Verbrechensopfern widmen“, erklärte Goll.


Wachsamkeit bester Opferschutz
Als die vielleicht wichtigste Opferschutzmaßnahme und gleichzeitig eine Aufgabe für jeden nannte der Minister die Wachsamkeit. „Wir müssen hinsehen, hinhören und mitfühlen. Wenn es um Bereiche wie die häusliche Gewalt, den Schutz der Intimsphäre, Stalking oder Zwangsverheiratungen geht, wenn wir es mit Gewalt gegen Kinder zu tun haben, dann hilft vor allem Aufmerksamkeit und der Mut sich auch einzumischen. Versagen beispielsweise die Sorgeberechtigten, dann liegt es an uns, an den Verwandten, Freunden, Nachbarn, an den Arbeitskollegen, Lehrern und Kindergärtnerinnen; dann liegt es an allen, die mit einem Kind Kontakt haben, einzugreifen und zumindest eine Hilfseinrichtung zu informieren.“

 


Der Weiße Ring
Gegründet 1976 von Eduard Zimmermann und anderen prominenten Persönlichkeiten des deutschen Rechtlebens, ist der Weiße Ring der größte gemeinnützige Verein auf dem Gebiet der Opferhilfe und des Opferschutzes und der einzige, der bundesweit tätig ist. 2.800 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in 400 Außenstellen sorgen für ein flächendeckendes Hilfsnetz für in Not geratene Kriminalitätsopfer. Bis heute hat der Weiße Ring vielen hunderttausend Opfern von Kriminalität und Gewalt mit Rat und Tat zur Seite gestanden und mehr als 127 Millionen Euro für Opferbetreuungsmaßnahmen einschließlich direkter materieller Hilfen bereitgestellt.

Entwicklungen im Opferschutz
Durch das Opferschutzgesetz 1986 wurde die Beteiligung des Opfers im Strafverfahren umfassend festgeschrieben. Seither haben Opfer das Recht auf Akteneinsicht durch einen Anwalt und können sich einen Rechtsbeistand nehmen, für den unter gewissen Bedingungen der Staat aufkommt. Mit dem Gesetz zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität 1992 wurde der Schutz gefährdeter Zeugen verbessert. Das Zeugenschutzgesetz von 1998 verbesserte etwa mit der Einführung der Videovernehmung im Strafverfahren die Situation der Opfer. Im September 2004 trat das Opferrechtsreformgesetz in Kraft.

Landesstiftung Opferschutz im Internet unter  www.landesstiftung-opferschutz.de

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