Europaweites Interesse an baden-württembergischer Bewährungs- und Straffälligenhilfe - Goll: "Es zahlt sich aus, jungen Menschen eine Chance zu geben"

Datum: 03.05.2007

Kurzbeschreibung: "Mit Blick auf eine möglichst geringe Rückfallquote zahlt es sich aus, wenn wir jungen Menschen eine echte Chance geben, in der Gesellschaft Fuß zu fassen - auch wenn es sich bei ihnen um gerade entlassene Strafgefangene handelt", sagte Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll (FDP) am Donnerstag in Stuttgart.

Der Minister freute sich über das Interesse der EU und anderer Länder an den von Projekt Chance e.V. und anderen baden-württembergischen Trägern organisierten Programmen in der Bewährungs- und Straffälligenhilfe.

„Wir haben in Baden-Württemberg in der Bewährungs- und Straffälligenhilfe vorbildliche und zukunftsweisende Konzepte entwickelt. Es ist kein Zufall und wir sind auch ein bisschen stolz darauf, dass sich dafür nun auch andere Länder - nicht nur in Europa - interessieren“, erklärte der Minister. Goll hatte im September 2005 das bundesweit einmalige baden-württembergische Nachsorgeprojekt für junge Gefangene als Teil des ebenfalls von ihm initiierten und viel beachteten „Projekts Chance“ ins Leben gerufen. Mit dem Nachsorgeprojekt soll das berühmte „Entlassungsloch“ vermieden und jungen Strafgefangene geholfen werden, nach der Entlassung in die Gesellschaft zurück zu finden.

Die Unterorganisation der Europäischen Kommission namens TAIEX (Technical Assistance Information Exchange Unit) führt nun im Auftrag der Generaldirektion für die EU-Erweiterung am 3. und 4. Mai 2007 in Ankara/Türkei für über 150 türkische Jugendrichter, Jugendstaatsanwälte, Jugendstrafanstaltsleiter und Ministerialbeamte ein Seminar über Aktivitäten für Jugendliche unter Bewährung durch. Es soll dazu beitragen, dass in der Türkei eine moderne Bewährungs- und Straffälligenhilfe entsteht. Der zuständige Referatsleiter im Justizministerium Baden-Württemberg, Ministerialrat Dr. Rüdiger Wulf, zugleich Geschäftsführer von Projekt Chance e. V., wird in Ankara als „EU member state expert“ die Bedeutung von Entlassungsvorbereitung und Nachsorge erläutern, die baden-württembergischen Programme vorstellen und daraus allgemeine Empfehlungen für gute Nachsorgeprojekte ableiten. Wissenschaftler und Praktiker aus Baden-Württemberg werden außerdem über den Umgang mit Jugendbanden und über die Rolle des Bewährungshelfers sprechen.

Der Minister nannte die bisherigen Ergebnisse des Nachsorgeprojekts „erfreulich“. Auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten rechne sich das Nachsorgenetzwerk. „Aufgrund der Nachsorge können wir die Gefangenen im Durchschnitt 100 Tage früher entlassen. Bei rund 80 € Haftkosten pro Tag bedeutet das eine Einsparung von 8.000 € pro Fall. Die Kosten für die Nachsorge beschränken sich dagegen auf maximal 4.000 € pro Fall“, erläuterte Goll.


Informationen zum Nachsorgeprojekt:

Bei erfolgreicher Nachsorge und der damit verbundenen Integration der jungen Haftentlassenen besteht eine gute Chance zu einem Leben in sozialer Verantwortung ohne Straftaten. Gesamtgesellschaftlich betrachtet liegt das Ziel des Projekts im Schutz der Allgemeinheit vor rückfallgefährdeten Straftätern. Zielgruppe sind junge Strafentlassene bis 27 Jahren - egal ob sie zur Endstrafe oder vorzeitig ohne Bewährungshelfer entlassen werden - bei denen eine drei- bis sechsmonatige Betreuung im Übergang vom Vollzug zur Freiheit Erfolg verspricht.

Die jungen Gefangenen erhalten keine finanzielle Unterstützung. Vielmehr stehen praktische Lebenshilfe und Problembewältigung im Vordergrund: Psychosoziale Hilfen, Wohnungs- und Arbeitssuche, Schuldnerberatung, Suchtberatung, Familienhilfe, Kontakte knüpfen - auch zu ehrenamtlichen Helfern. Dabei wird das bürgerschaftliche Engagement genutzt und praktische Hilfen bzw. Therapievermittlung angeboten.

Für das Nachsorgenetzwerk in Baden-Württemberg hat die Landesstiftung Baden-Württemberg im Jahr 2004 1,2 Mio. € zur Verfügung gestellt. Die Stiftung hat den gemeinnützigen Verein Projekt Chance e. V. mit der Umsetzung beauftragt. Seit Projektbeginn im September 2005 wurden 210 Nachsorgevereinbarungen abgeschlossen. Davon waren 27 junge Gefangene weiblich. Ihr Anteil liegt über dem entsprechenden Gefangenenanteil in Baden-Württemberg. Ein hoher Anteil der jungen Gefangenen sind Migranten. Bislang beliefen sich die gesamten Kosten auf 164.000 €. Danach sind die tatsächlichen Kosten niedriger als erwartet.

Projekt Chance im Internet: www.projekt-chance.de

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