Fachtagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll: Interkulturelle Öffnung in öffentlichen Verwaltungen und Wohlfahrtsverbänden

Datum: 23.11.2007

Kurzbeschreibung: Goll: "Die interkulturelle Öffnung ist eine wichtige Rahmenbedingung für einen erfolgreichen Integrationsprozess"

„Die zunehmende Globalisierung unserer Lebensverhältnisse und unserer Arbeitswelt stellt vielfältige neue Anforderungen, auf die wir durch interkulturelles Lernen und interkulturelle Öffnung reagieren müssen“, sagte der Integrationsbeauftragte der Landesregierung, Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll (FDP), am Freitag auf der Fachtagung zum Thema „Interkulturelle Öffnung in öffentlichen Verwaltungen und Wohlfahrtsverbänden“ in der Evangelischen Akademie Bad Boll.

„Vielfalt nutzt nicht nur den zugewanderten Menschen, sondern bringt klare ökonomische Vorteile. Diese Erkenntnis setzt sich in immer mehr Unternehmen durch. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, die hilft, den Wohlstand in unserem Land zu sichern", erläuterte Goll. Immer mehr Firmen und öffentliche Einrichtungen integrierten „Diversity Management“ in ihre Unternehmens-strategie. Das sei aber auch eine Herausforderung für die öffentliche Verwaltung. Denn die bisherigen Erfahrungen hätten gezeigt, dass im Verwaltungshandeln ein großes integrationsstrategisches Potenzial vorhanden sei. „Interkulturelle Öffnung ist daher eine wesentliche Rahmenbedingung für einen erfolgreichen Integrationsprozess in unserer Einwanderungsgesellschaft“, so der Minister.

Eigenkulturelle Reflexion, d.h. die Bereitschaft, sich mit Normen und Werten der eigenen Kultur auseinanderzusetzen, Offenheit und Toleranz gegenüber andersartigen Denk- und Handlungsmustern und Auseinandersetzung mit kulturellen Hintergründen von Menschen anderer Herkunft seien wichtige Kernelemente interkultureller Kompetenz, betonte Goll. Die interkulturelle Öffnung der öffentlichen Verwaltung erschöpfe sich dabei nicht in der Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den Umgang mit anderen Kulturen. „Wichtig ist insbesondere, interkulturelle Kompetenz bereits in den internen Personalstrukturen der Verwaltung zu verankern, indem die Potenziale von Menschen mit Migrationshintergrund erkannt und sie in die öffentliche Verwaltung stärker als bisher einbezogen werden“, so Goll.

In Baden-Württemberg werde in öffentlichen Institutionen, die eine herausragende Bedeutung für den Integrationsprozess hätten, schon seit vielen Jahren im Rahmen der Einstellungsentscheidung ein besonderes Augenmerk auf die interkulturelle Kompetenz der Bewerberinnen und Bewerber gelegt. So würden beispielsweise im Polizeibereich seit 1993 auf der Grundlage einer Ausnahmeregelung des Landesbeamtengesetzes auch Ausländerinnen und Ausländer in den Polizeivollzugsdienst des Landes eingestellt. Inzwischen seien weit mehr als 130 ausländische Bewerber in den Polizeivollzugsdienst eingestellt worden, erläuterte der Minister. Weit höher liege der Anteil an Polizistinnen und Polizisten mit Migrationshintergrund.

Auch im Bereich der Justiz spiele interkulturelle Öffnung eine wichtige Rolle, vor allem im Jugendstrafvollzug. Baden-Württemberg sei das einzige Bundesland, in dem das seit dem 1. August 2007 geltende Jugendstrafvollzugsgesetz den jungen Gefangenen ein subjektives Recht auf Bildung, Ausbildung und sinnstiftende Arbeit einräume. In diesem Zusammenhang wies der Minister auf die verschiedenen erzieherischen Maßnahmen auch für junge Gefangene mit Migrationshintergrund hin, wie z.B. Kurse des sozialen Trainings oder Kurse zur Verbesserung der Deutschkenntnisse dieser Jugendlichen. Für diese Maßnahmen greife das Land in erster Linie auf vollzugsinterne Kräfte, also auf speziell geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurück.

Darüber hinaus betonte Goll die große Bedeutung der interkulturellen Kompetenz im Umgang mit dem Thema Zwangsheirat. So werde die Landesregierung einen einheitlichen Verhaltensleitfaden für die Landesbehörden in Baden-Württemberg zur Bekämpfung von Zwangsheirat erstellen. Dieser soll einen allgemeinen Überblick über das Thema Zwangsheirat sowie Kontaktadressen und gebotene Verhaltensweisen („Checklisten“) für den Umgang mit konkreten Bedrohungssituationen liefern.

„Auch im Gesundheitsbereich haben wir in Baden-Württemberg schon einiges auf den Weg gebracht“, erklärte der Minister. Die Lehrpläne für die Berufsfachschule für Altenpflege enthielten entsprechende Lerneinheiten über die Situation und den Umgang mit den besonderen Bedürfnissen älterer Menschen mit Migrationshintergrund. Thematisiert würden z.B. die Altersbilder verschiedener Kulturen, die Pflegetraditionen in den jeweiligen Herkunftsländern, kulturelle Spezifika sowie Wert- und Normvorstellungen der verschiedenen Kulturen. „Hier werden angehende Altenpfleger bereits in ihrer Ausbildungszeit für die besonderen Bedürfnisse der älteren Migranten sensibilisiert“, sagte Goll.

Im Bereich der vorschulischen und schulischen Bildung spiele das Thema interkulturelle Öffnung bzw. interkulturelle Kompetenz ebenfalls eine herausragende Rolle. „Bildung und Ausbildung sind für mich als Integrationsbeauftragten die Grundlagen, ja die Nagelproben für eine gelungene Integration“ betonte Goll. Der Minister forderte, Kenntnisse in interkultureller Bildung und Erziehung sowie das Fach Deutsch als Zweitsprache im Lehramtsstudium entsprechend zu verstärken und zu obligatorischen Bestandteilen der Lehrerausbildung zu machen. Der Minister sprach sich ferner dafür aus, im Rahmen des Lehramtsstudiums Wahlmodule für so genannte „Bildungs-Coaches“ einzuführen. Dies würde Lehramtsstudierenden die Möglichkeit bieten, eine Art Patenschaft für einen Schüler bzw. eine Familie mit Migrationshintergrund zu übernehmen und hierfür entsprechende „Credit-Points“ zu erhalten. „So könnten die Studierenden Einblick in die Lebenswelt ihrer künftigen Schüler erhalten und die für den späteren Beruf notwendige Praxiserfahrung von Anfang an erlangen – ein Vorteil nicht nur für die Studierenden selbst, sondern vor allem auch für die Kinder und Jugendlichen sowie deren Familien mit Migrationshintergrund“, erläuterte Goll.


Hintergrund:
Die Fachtagung zum Thema „Interkulturelle Öffnung in öffentlichen Verwaltungen und Wohlfahrtsverbänden“ ist ein Kooperationsprojekt des Integrationsbeauftragten der Landesregierung, der Evangelischen Akademie Bad Boll, des Diakonischen Werks Württemberg, des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sowie des Städtetags Baden-Württemberg. Neben der Erörterung und Diskussion über Erfahrungen mit interkultureller Öffnung der Verwaltung auf kommunaler Ebene, mit den Öffnungsprozessen im Gesundheitswesen der Wohlfahrtsverbände und den Bestrebungen im Bereich der Landesverwaltung können die Teilnehmer der Fachtagung auch Einblicke in Praxisbeispiele aus dem Ausland gewinnen und in mehreren Arbeitsgruppen Handlungsempfehlungen für die Umsetzung der interkulturellen Öffnung in der Verwaltung und in den Verbänden erarbeiten. Es handelt sich hierbei um die Auftaktveranstaltung für eine elfteilige bundesweite Tagungsreihe von sieben Evangelischen Akademien in Kooperation mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, in denen im Laufe von drei Jahren die Themenschwerpunkte „Zusammenhalt in der Gesellschaft“, „Von der Defizitorientierung zur Ressourcenorientierung“, „Öffentlichkeit und mediale Präsenz“ und „Künftige Bildungspotenziale erschließen“ behandelt werden sollen.

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