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Kickoff der Neuorganisation von "Schwitzen statt Sitzen" - Das "Netzwerk Straffälligenhilfe in Baden-Württemberg" vermittelt flächendeckend gemeinnützige Arbeit zur Vermeidung von Haft

Datum: 09.01.2008

Kurzbeschreibung: Goll: "Durch das Projekt 'Schwitzen statt Sitzen' sparen wir eine Vollzugsanstalt mit 535 Haftplätzen"

„Das Projekt ’Schwitzen statt Sitzen’ vermeidet Haft. Wir können dadurch auf eine große Vollzugsanstalt mit 535 Haftplätzen verzichten. Das spart natürlich Kosten. Vor allem aber muss niemand ins Gefängnis, der dort eigentlich gar nicht hingehört. Manchem wird sogar eine echte Chance zum Neuanfang gegeben, indem er lernt, sich wieder regelmäßiger Arbeit zu stellen. Und: die gemeinnützige Arbeit kommt der Allgemeinheit zugute“, erläuterte Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll (FDP) am Mittwoch (9. Januar) bei der Auftaktveranstaltung in Stuttgart anlässlich der landesweiten Übernahme der Vermittlung gemeinnütziger Arbeit durch das Netzwerk Straffälligenhilfe in Baden-Württemberg die Vorzüge des Projekts.

Betroffen von „Schwitzen statt Sitzen“ waren im Jahr 2006 insgesamt 5.601 Personen, die eigentlich „nur“ zu einer Geldstrafe verurteilt worden waren, dann aber Zahlungsprobleme hatten. In diesen Fällen wird regelmäßig ersatzweise eine Freiheitsstrafe angeordnet. Die Betroffenen konnten der Vollstreckung dieser Ersatzfreiheitsstrafen - 2006 entsprach das insgesamt 195.313 Hafttagen - dadurch entgehen, dass sie unentgeltliche gemeinnützige Arbeit zum Beispiel in der Landschafts- und Forstpflege oder in den Caritasverbänden leisteten.

Um die landesweite Vermittlung der gemeinnützigen Arbeit kümmert sich seit dem noch jungen Jahr 2008 das „Netzwerk Straffälligenhilfe in Baden-Württemberg“, ein Zusammenschluss aus dem Badischen Landesverband für soziale Rechtspflege, dem Verband Bewährungs- und Straffälligenhilfe Württemberg e.V. und dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband – Landesverband Baden-Württemberg. Über die örtlichen Mitgliedsvereine des Netzwerks werden alle Fälle von gemeinnütziger Arbeit zur Abwendung einer Ersatzfreiheitsstrafe sowie zur Erfüllung von Arbeitsauflagen, die als Bewährungs- oder Gnadenauflage angeordnet wurden, vermittelt. Dabei wurden fachliche Standards vereinbart. Die Arbeitsvermittlung umfasst ein Erstgespräch mit dem Probanden, wenn nötig eine Tilgungsberatung, die Vermittlung an die Schuldnerberatung oder die Suchtberatung. Schätzungsweise wird das Netzwerk mit seinen örtlichen Mitgliedsvereinen landesweit mit bis zu 13.500 Vermittlungsaufträgen pro Jahr beschäftigt sein. Für das Jahr 2008 stehen im Haushalt 1 Million Euro zur Verfügung.

„Mit dem Netzwerk Straffälligenhilfe haben wir einen professionellen Partner der Justiz gefunden“, sagte der Minister. Er wies darauf hin, dass nach dem bundesweit einmaligen „Nachsorgeprojekt Chance“ nun „Schwitzen statt Sitzen“ bereits das zweite Projekt sei, welches das Netzwerk in Baden-Württemberg landesweit umsetze. Über das vom Justizminister im Jahr 2005 initiierten „Nachsorgeprojekt Chance“ wird jungen Strafgefangenen in den ersten Monaten nach ihrer Haftentlassung konkrete Lebenshilfe etwa bei Behördengängen, Wohnungssuche und Jobvermittlung geleistet, um das berühmte „Entlassungsloch“ zu vermeiden.

Die Neuorganisation von ´Schwitzen statt Sitzen´ ist nach der flächendeckenden Übertragung der Bewährungs- und Gerichtshilfe auf die Neustart gGmbH notwendig geworden. „In der Vergangenheit erledigte die Vermittlung von gemeinnütziger Arbeit zum großen Teil die Gerichtshilfe. Sie kümmert sich nach der Übertragung der Bewährungs- und Gerichtshilfe auf den freien Träger ab 1.1.2008 nun ausschließlich um ihre gesetzlich zugeschriebenen Aufgaben der Täter- und Opferberichterstattung in Straf- und Ermittlungsverfahren. Die Vermittlung von Arbeitsstellen zählt dazu gerade nicht. Diese Lücke schließt das Netzwerk Straffälligenhilfe als zweiter freier Träger neben Neustart“, erklärte Goll. Der Minister zeigte sich vom Zwei-Säulen-Modell überzeugt: „Jeder Partner hat seinen eigenen Verantwortungsbereich, Doppelarbeit wird vermieden, stattdessen werden die Angebote sinnvoll vernetzt und eine durchgehende Betreuung der Probanden gesichert. Die Vereine der freien Straffälligenhilfe waren gerade zu prädestiniert dafür, in die entstandene Lücke zu stoßen. Sie verfügen über hoch motivierte Mitarbeiter, auf deren Engagement und Erfahrung zurückgegriffen werden kann. Sie haben sich bereits in der Vergangenheit als verlässlicher, starker und auf fachlich hohem Niveau arbeitender Partner der Justiz erwiesen und können ihr eigenständiges Profil beim Projekt ’Schwitzen statt Sitzen’ nun noch weiter ausbauen“, erklärte Goll.

Auch aus anderen Bundesländern gebe es bereits Anfragen, die Interesse an der Organisationsform des Netzwerkes in Baden-Württemberg zeigten. „Wenn unser Modell anderen Ländern als Vorbild dienen kann, ist das für uns das größte Lob“, sagte Goll, der bereits mit dem 2003 in Creglingen gestarteten „Projekt Chance“ die bundesweite Vorreiterrolle für einen modernen Strafvollzug Jugendlicher außerhalb von Gefängnismauern eingenommen hat.

Was steckt hinter Schwitzen statt Sitzen:

Wer aus finanziellen Gründen nicht in der Lage ist, seine Geldstrafe zu bezahlen, muss mit Ersatzfreiheitsstrafe rechnen. Gründe für die Verurteilung können z.B. ein Ladendiebstahl oder hartnäckiges Schwarzfahren gewesen sein. Durch Ableistung gemeinnütziger Arbeit können Verurteilte die Vollstreckung der Ersatzfreiheitsstrafe, also einen Gefängnisaufenthalt abwenden. Ein Tagessatz der Geldstrafe entspricht dabei vier Stunden freier Arbeit. Die Verpflichtung, gemeinnützige Arbeit abzuleisten, kann aber auch als Auflage insbesondere im Rahmen einer Strafaussetzung zur Bewährung oder bei einer Einstellung eines Ermittlungsverfahrens gegen Geldauflage geschuldet sein.

In der Vergangenheit erfolgte in Baden-Württemberg die Vermittlung entsprechender Personen an gemeinnützige Arbeitsstellen in erheblichem Umfang durch die ehemals organisatorisch zu den Staatsanwaltschaften des Landes gehörende Gerichtshilfe. Daneben waren in einigen Gerichtsbezirken seit Jahren auch freie Träger in diesem Bereich tätig, z.B. der Bewährungshilfeverein

Weitere Infos zum Projekt Chance und dem Nachsorgeprojekt Chance:

 

http://www.projekt-chance.de

 

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