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Fünf Jahre "Projekt Chance" - Baden-Württemberg bundesweit Vorreiter für modernen Jugendstrafvollzug außerhalb von Gefängnismauern - Goll: "Unser Konzept hat sich bewährt"

Datum: 12.09.2008

Kurzbeschreibung: "Wir wissen, dass es junge Straftäter gibt, die erst im Gefängnis endgültig auf die schiefe Bahn geraten.

Sie wollen wir durch ein gezieltes, auf ein bis zwei Jahre angelegtes, straff organisiertes Erziehungsprogramm in die Gesellschaft zurückführen und zwar außerhalb einer mitunter subkulturell geprägten Umgebung. Viele lernen erst im ´Projekt Chance´ die Grundzüge eines verantwortungsvollen Miteinanders. Wir haben aber auch festgestellt, dass 12-15 Monate knapp bemessen sind, um die Normakzeptanz und das Wertegefühl der Gefangenen nachhaltig zu verbessern “, sagte Baden-Württembergs Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll (FDP) am Freitag (12.9.) in Stuttgart. 

Moderner Strafvollzug mit strengen Regeln
Hinter dem von Minister Goll im September 2003 initiierten „Projekt Chance“ verbirgt sich eine moderne Form des Strafvollzugs für junge Strafgefangene jenseits von Gefängnismauern, die bis heute bundesweit einmalig ist. Die erste Einrichtung startete im Kloster Frauental in Creglingen mit 15 Haftplätzen unter der Leitung des Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschland e.V. (CJD). Es folgte kurz darauf die zweite Einrichtung mit weiteren 15 Plätzen im Jugendhof Seehaus in Leonberg unter Leitung von Prisma e.V.. Ein dritter Standort ist im Gespräch.

Ziel des Projekts ist es, jungen Strafgefangenen im Alter von 14-18 Jahren, die zu einer Jugendstrafe verurteilt wurden, eine Chance zur Wiedereingliederung in Staat und Gesellschaft zu geben. Die Idee: Wer gesellschaftlich wieder Fuß fasst, ist weniger anfällig für neue Straftaten. Wer sich dem anspruchsvollen Sozialtraining stelle, dem helfe „Projekt Chance“ vor allem beim Einstieg in die Berufswelt, erklärte Goll. Aber auch die Schadenswiedergutmachung und ein Ausgleich zwischen Täter und Opfer seien feste Bestandteile des auf Erziehen und gegenseitiges Vertrauen ausgerichteten Programms. „Wer nicht mitzieht und gegen die strengen Regeln verstößt, muss zurück in die JVA Adelsheim“, betonte der Minister. Manch ein Gefangener habe auch freiwillig um Rückverlegung gebeten. Der Grund: Im „Projekt Chance“ sei es im Vergleich zum geschlossenen Vollzug zu anstrengend.

Evaluation abgeschlossen
„Unser Konzept hat sich bewährt, auch wenn es sicher keine Wunder vollbringen kann“, lautet Golls Fazit zum fünfjährigen Geburtstag von „Projekt Chance“. Von Beginn an wurde das Projekt von den Professoren Dr. Dieter Dölling und Dr. Hans-Jürgen Kerner von den Instituten für Kriminologie der Universitäten Heidelberg und Tübingen mit Mitteln der Robert-Bosch-Stiftung wissenschaftlich begleitet. In ihrem Abschlussbericht bezeichneten sie die Konzeption wissenschaftlich wie praktisch als ausgereift. Dies betreffe vor allem den strukturierten Tagesablauf, das Lernen von und mit Gleichaltrigen, das Bewertungs- und Belohnungssystem, den Stellenwert des Leistungsbereich bei Bildung, Ausbildung und Arbeit, die Förderung von sozialen Kompetenzen, die Fokussierung auf Freizeitgestaltung und Sport sowie die Nachsorge nach der Entlassung. Verbesserungsbedarf sehen die Wissenschaftler bei der Tataufbereitung und Einbeziehung der Familien.

Gruppenkultur statt Subkultur
Als Erfolg stellten die Forscher heraus, dass im „Projekt Chance“ die negativen Begleitumstände des regulären Jugendstrafvollzugs vermieden werden konnten. Es hätte sich keine nennenswerte Subkultur aufbauen können, die die Erziehung der jungen Gefangenen hätte gefährden können. Vielmehr habe sich eine positive Gruppenkultur entwickelt, die nun fester Bestandteil des Lebens in beiden Einrichtungen sei. „Das ist nicht hoch genug zu bewerten und bei einem Zusammenleben von jungen Mehrfach- und Intensivtätern mit zum Teil erheblichen Entwicklungs-, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen keineswegs selbstverständlich“, verdeutlichte Goll. Im „Projekt Chance“ hätten die jungen Gefangenen im Rahmen der „positive peer culture“ (ppc) ihre positiven Ressourcen und Talente einbringen können. Dies sei nicht zu letzt dem großen Einsatz und Geschick der Einrichtungsleiter und ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort  zu verdanken. „Es wäre natürlich schön, wenn dieses Konzept noch konsequenter als bisher auch auf den klassischen Jugendstrafvollzug übertragbar wäre und nicht das Privileg einer kleinen und überschaubaren Einrichtung ohne ´Knast´-Charakter bliebe“, kündigte Goll eine entsprechende Prüfung an.

Keine Erfolgsautomatik - Nachsorge nach Haft wichtig
„Eine Erfolgsautomatik gibt es auch im ´Projekt Chance´ nicht“, betonte der Minister. Nur bei wenigen Jugendlichen sei es nach der Entlassung aus dem Projekt zu einer schnellen sozialen Integration ohne Rückschläge gekommen. Ursachen seien oft Streit über Arbeitsbedingungen, unentschuldigtes Fehlen oder mangelnde Leistungsbereitschaft gewesen. Größte Risikofaktoren für die Integration im Nachsorgezeitraum seien Drogen, Alkohol und Milieukontakte. „Das zeigt, wie wichtig gerade in den ersten Monaten nach der Haftzeit eine engmaschige Nachsorge ist. Wenn die Entlassenen in den Alltagsdingen wie Wohnungs- und Arbeitssuche Hilfe bekommen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht wieder in ihrem alten Umfeld Kontakt suchen. Allein damit ist oft schon viel gewonnen, wenn es um die Vermeidung von Straftaten geht“, so Goll.

Rückfallquote unter 50 Prozent
„Mehr als die Hälfte (53 Prozent) der Teilnehmer am „Projekt Chance“, die aus einer Projekt-Einrichtung oder (nach Projekt-Abbruch) aus der JVA Adelsheim entlassen wurden, sind innerhalb der ersten zehn Monate in Freiheit nicht rückfällig geworden. Von 28 Probanden, die regulär aus den beiden Einrichtungen des Projekts entlassen wurden und sich mindestens ein Jahr in Freiheit befanden, wurden 18 nicht wieder verurteilt (64 Prozent). Von 24 Abbrechern, die in die JVA Adelsheim zurückverlegt wurden und von dort aus später entlassen wurden, bewährten sich hingegen nur neun (38 Prozent). „Die höhere Rückfallquote bei den Abbrechern war zu erwarten. Außerdem ist gerade bei jungen Mehrfach- und Intensivtätern bis 30 Jahren die Rückfallquote erfahrungsgemäß besonders hoch“, sagte Goll. Unter diesen Umständen sei eine Gesamtquote von 43 Prozent, die binnen zehn Monaten nach ihrer Entlassung wieder verurteilt worden seien, nicht überraschend. Als rückfällig gelte ein Täter auch nicht erst dann, wenn er einschlägig, also wieder wegen desselben Delikts, verurteilt worden sei. Es reiche bereits ein Ladendiebstahl oder Schwarzfahren, um in der Rückfallstatistik erfasst zu werden. „Ich halte die Rückfallquote für wenig aussagekräftig, wenn es um die kriminologische Bewertung des Jugendstrafvollzugs in freien Formen geht. Viel aussagefähigere Indikatoren scheinen mir der Entwicklungsfortschritt der Gefangenen zwischen zwei Zeitpunkten und die Integrationswirkungen im Übergang vom Vollzug in die Freiheit zu sein“, äußerte der Minister methodische Zweifel an einer Evaluation des Strafvollzugs anhand von Rückfalluntersuchungen.

„Wir haben festgestellt, dass solche innovativen Projekte wie das ´Projekt Chance´ lernfähig sind. Von Jahr zu Jahr verbessern sie sich. Vor fünf Jahren haben wir noch Neuland betreten. Nun können wir auf erste mittelfristige Erfahrungen zurückgreifen, die uns  zuversichtlich nach vorne blicken lassen. Es ist gewiss kein Zufall, dass andere Länder eigene Projekte nach unserem Vorbild planen“, resümierte Goll. 

Zahlen zum „Projekt Chance“:
Von September 2003 bis zum 1. August 2008 waren insgesamt 134 junge Gefangene aus der Jugendstrafanstalt Adelsheim (regelmäßig belegt mit rund 600 jungen Gefangenen) in den beiden Einrichtungen untergebracht, davon 43 nach Leonberg und 91 nach Creglingen. Rückverlegungen gab es 16 aus Leonberg und 34 aus Creglingen, das entspricht einer Rückverlegungsquote von jeweils 37 Prozent. Ein Hafttag im „Projekt Chance“ kostet rund 203 €, in der JVA Adelsheim rund 125 €. Der Tagessatz liegt damit in der Größenordnung vergleichbarer stationärer Einrichtungen der Jugendhilfe.
Der Abschlussbericht steht zum Download bereit unter: www.projekt-chance.de

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