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25 Jahre Heinrich-Wetzlar-Haus in Stutensee - Vermeidung von Aufenthalt Jugendlicher in einer Untersuchungshaftanstalt - Goll: "Bundesweit gibt es nur wenig Vergleichbares"

Datum: 11.11.2009

Kurzbeschreibung: "Das Heinrich-Wetzlar-Haus war eines der ersten Häuser überhaupt, in dem ein Projekt zur Vermeidung von Untersuchungshaft bei Jugendlichen realisiert wurde.

Seit dem 15. Juni 1984 werden hier junge Menschen sozialpädagogisch begleitet und ihnen die Erfahrungen eines Aufenthalts in einer Untersuchungshaftanstalt erspart. Bundesweit gibt es nur wenige vergleichbare Häuser“, sagte Baden-Württembergs Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll (FDP) am Mittwoch (11. November 2009) anlässlich der 25-Jahr-Feier des Heinrich-Wetzlar-Hauses in Stutensee. In vielen Fällen sei es gelungen, die unheilvolle Abwärtsspirale, in der sich fast alle Jugendlichen bei ihrer Aufnahme in die Untersuchungshaft befänden, zu stoppen und ihnen zunächst eine feste Ankerstelle anzubieten. „Die jungen Menschen bekommen wichtige Zukunftsperspektiven gerade für die Zeit nach Abschluss des gegen sie laufenden Strafverfahrens aufgezeigt“, so Goll.

Jüdischer Landgerichtspräsident Namensgeber und Vorbild
Es sei eine ausgezeichnete Wahl gewesen, bei der Namensgebung für das Haus auf den früheren jüdischen Landgerichtspräsidenten Heinrich Wetzlar zurückzugreifen, sagte Goll. Dadurch sei vordergründig zunächst an die vorhandene örtliche Tradition angeknüpft worden. Denn zusammen mit seiner Ehefrau Therese habe Heinrich Wetzlar 1919 just an dieser Stelle, im ehemals großherzoglichen Jagdschlösschen Stutensee, ein Jugendfürsorgeheim gegründet, das beide über viele Jahre hinweg auch selbst leiteten. „Darüber hinaus wurde auch in inhaltlicher Hinsicht die 1933 durch die Nazi-Herrschaft unterbrochene Tradition des Hauses wieder aufgenommen. Das von Therese und Heinrich Wetzlar geführte Haus diente nämlich ebenfalls der Aufnahme von Jugendlichen, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen waren und denen deshalb Untersuchungshaft drohte. Der grundlegende Gedanke - der Verzicht von Untersuchungshaft zu Gunsten einer frühen und intensivpädagogischen Einflussnahme auf die gefährdeten Jungen -war daher bereits im Konzept des damaligen Heimes verankert“, erklärte Goll. Schließlich stehe der Name von Heinrich Wetzlar auch für die Fähigkeit, die verschiedenartigen Vorstellungen und Ansätze von Jugendhilfe und Strafjustiz im Interesse der Jugendlichen zusammenzuführen und nutzbar zu machen.

Dank an Angehörige der Familie Wetzlar
„Für Heinrich Wetzlar, der eine mehr als eindrucksvolle Karriere im badischen Justizdienst durchlief, stand nicht der Straftäter, der juristische Fall, sondern der junge Mensch mit seinen Brüchen und Gefährdungen im Mittelpunkt. Durch die Einrichtung dieses, seines Heims in Stutensee versuchte er, jungen Menschen neue Chancen und Perspektiven für ihr weiteres Leben zu eröffnen. Und um dieses Ziel zu erreichen, brachte er Jugendhilfe und Justiz zusammen und baute tragfähige Brücken zwischen den so andersgearteten Institutionen. Gerade diese Fähigkeit zur Zusammenarbeit und zum Zusammenführen der unterschiedlichen Ansätze und Möglichkeiten ist in einer Einrichtung wie dem Heinrich-Wetzlar-Haus für deren Erfolg von ausschlaggebender Bedeutung“, würdigte der Justizminister das Wirken Heinrich Wetzlars. „Nach all dem schrecklichen Unrecht und Leid, das Heinrich und Therese Wetzlar in Deutschland und in deutschem Namen erlitten haben - die würdelose Amtsenthebung des Vaters im Jahre 1933, die Flucht in die Niederlande, die anschließende Deportation in das Konzentrationslager Theresienstadt und schließlich ihre Ermordung im Jahre 1943 - ist es mehr als bemerkenswert, dass sich die Familie auch nach dem Krieg in Deutschland für die Belange der Jugendhilfe und das Projekt „Heinrich-Wetzlar-Haus“ einsetzte und mit diesem verbunden bleibt“, sprach der Minister den Angehörigen der Familie Wetzlar, von denen eine Enkelin und zwei Urenkel bei der 25-Jahr-Feier anwesend waren, seinen tiefempfundenen Dank aus.

Alltag im Heinrich-Wetzlar-Haus nicht für jeden geeignet
Der Alltag im Heinrich-Wetzlar-Haus sei für die Jugendlichen „kein Zuckerschlecken und soll es auch nicht sein“, erläuterte Goll. Sie erwarte ein strukturierter Alltag mit Verbindlichkeit und Grenzziehung, Ausbildung und Förderung, Kreativität und Perspektive. Das sei zwar für die große Mehrzahl ihrer Altersgenossen eine Selbstverständlichkeit. Für die meisten der im Heinrich-Wetzlar-Haus untergebrachten Jungen sei es jedoch Neuland. Die allermeisten hätten sich schon lange aus ihrem sozialen Umfeld gelöst, viele gar nicht mehr bei ihren Familien gelebt, sondern seien bei Freunden untergeschlüpft gewesen. Eine derartige Unterbringung sei, so der Minister weiter, nicht für alle geeignet. Für manche der straffällig gewordenen Jugendlichen sei das Heinrich-Wetzlar-Haus bereits aufgrund ihrer individueller Belastungen und Störungen nicht geeignet. Andere könnten oder wollten die Ihnen eröffnete zweite Chance nicht ergreifen. „Für eine beachtliche Zahl ist das Heinrich-Wetzlar-Haus jedoch ein maßgeschneidertes und passgenaues Hilfsangebot. 950 Jungen wurden seit Gründung des Hauses aufgenommen und haben vorübergehend hier gelebt“, teilte Goll mit. Nicht allen sei es gelungen, die positiven Impulse in ihr weiteres Leben nach dem Aufenthalt im Heinrich-Wetzlar-Haus mitzunehmen. Die Arbeit mit diesen Jugendlichen tragt naturgemäß bereits wegen ihrer biographischen Belastungen das sehr reale Risiko des Scheiterns in sich. Misserfolge im Einzelnen seien deshalb ins angemessene Verhältnis zu der weit überwiegenden Zahl der erfolgreichen Interventionen zu setzen, sagte der Minister.

Fester und unverzichtbarer Bestandteil der Jugendstrafrechtspflege
„Im Heinrich-Wetzlar-Hauses wird wertvolle und engagierte Arbeit geleistet, die von der Justizpraxis geschätzt wird. Das Heinrich-Wetzlar-Haus hat sich in 25 Jahren von einer Modelleinrichtung zu einem festen und unverzichtbaren Bestandteil der Jugendstrafrechtspflege in Baden-Württemberg entwickelt. All den-jenigen, die sich mit Leidenschaft und Augenmaß für gefährdete Jugendliche einsetzen, gilt mein ganz besonderen Dank“, sagte der Minister. Das seien vor allem die hoch motivierten Mitarbeitern des Heinrich-Wetzlar-Hauses selbst, die sich Tag für Tag mit großem Engagement dieser Aufgabe widmeten. Darüber hinaus dankte Goll aber auch denen, die diese Einrichtung ideell, ehrenamtlich oder fachlich unterstützten. „Angesichts dieses Einsatzes bin ich mir sicher, dass im Heinrich-Wetzlar-Haus auch auf lange Sicht Jugendlichen - ganz im Sinne des Namensgebers des Hauses - immer wieder der Weg hin zu einer straffreien und positiven Zukunft aufgezeigt werden kann“, sagte der Justizminister.

Stefan Wirz
Pressesprecher

Wissenswertes zur Entstehung des Heinrich-Wetzlar-Hauses:
In Baden-Württemberg sahen Justizministerium und Sozialministerium schon in den 70er Jahren einen dringenden Bedarf für eine Unterbringung von straffällig gewordenen Jugendlichen in einer Einrichtung der Jugendhilfe zur Vermeidung von Untersuchungshaft. Die Tatsache, dass Jugendliche durch den Vollzug von Untersuchungshaft in gravierender Weise belastet und dort nicht selten die Weichen für ihr weiteres Leben falsch gestellt werden, war schon damals keine neue Erkenntnis. Trotz ersichtlich dringenden Bedarfs standen bundesweit aber kaum entsprechende Heimplätze zur Verfügung. Probleme bereiteten dabei die unterschiedlichen Sichtweisen von Jugendhilfe und Strafjustiz, die in einem natürlichen Spannungsverhältnis stehen, auch wenn es ein gemeinsames Anliegen beider Institutionen ist, die Jugendkriminalität möglichst wirksam zu bekämpfen. Aus Sicht der Justiz steht naturgemäß das Interesse an einer effektiven Strafverfolgung und einer Sicherung des Strafverfahrens im Vordergrund, auch wenn das Jugendstrafverfahren generell unter dem Postulat des Erziehungsgedankens steht. Dagegen ist die Jugendhilfe zuvorderst dem pädagogischen Ansatz abseits von der Durchsetzung des staatlichen Strafanspruchs verpflichtet. Nicht wenige Sozialpädagogen vertraten im Laufe der Sondierungen für die Errichtung eines Heimes wie dem Heinrich-Wetzlar-Haus deshalb ganz apodiktisch die Auffassung, dass strafprozessuale Freiheitsentziehung und Erziehung schlichtweg unvereinbar seien. Die Justiz hingegen konnte und wollte nicht auf Vorkehrungen gegen eine Flucht von Jugendlichen verzichten, da es sich bei der Unterbringung gleichwohl um „echte“ Freiheitsentziehung handelt. Beide Seiten sind im Laufe der Diskussionen schließlich aufeinander zu gegangen. Im Heinrich-Wetzlar-Haus sind zwar verschiedene bauliche Sicherungsmaßnahmen durchgeführt worden, Entweichungen sollten jedoch primär durch pädagogische Mittel verhindert werden.

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