30. Triberger Symposium 2009 - Jugendgewalt - Ein Phänomen unserer Zeit? Wo kommt sie her? Wie gehen wir damit um?

Datum: 13.11.2009

Kurzbeschreibung: Goll: "Wir müssen jede Form von Gewalt ächten, den Jugendlichen Perspektiven geben und Ihnen mit gutem Vorbild unsere Werte vermitteln"

 

Podiumsdiskussion

Podiumsdiskussion in Triberg

"Das Thema Jugendgewalt ist eine große Herausforderung. Jugendgewalt wird mehr denn je als Bedrohung empfunden. Dabei dürften die wenigsten Erwachsenen Jugendgewalt selbst erlebt oder beobachtet haben. Aber auch eine gefühlte Bedrohung kann die Freiheit des Einzelnen massiv beeinträchtigen. Wir müssen uns deshalb dem Thema Jugendgewalt mit aller Ernsthaftigkeit widmen“, sagte Baden-Württembergs Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll (FDP) auf dem 30. Triberger Symposium im Schwarzwald.

Die verstärkte Verbrechensfurcht führe fast automatisch zum Ruf nach härteren Gesetzen, höheren Strafen und intensiver Erziehung durch die Justiz. Zwar liege das Gewaltniveau auf einem hohen Level. „Dennoch dürfte die gefühlte Kriminalität tatsächlich größer zu sein, als es die reinen Zahlen wiedergeben. „Es stellt sich die Frage, woran das liegt“, so der Minister. Mit dem Thema „Jugendgewalt - Ein Phänomen unserer Zeit? Wo kommt sie her? Wie gehen wir damit um?“ beschäftigten sich am Donnerstag und Freitag (12. und 13. November) rund 65 namhafte Fachleute aus Politik, Justiz, Anwaltschaft, Wissenschaft und Medien. Alljährlich nehmen sich die Experten in Triberg auf dem bundesweit seit drei Jahrzehnten etablierten Symposium des baden-württembergischen Justizministeriums über zwei Tage lang Zeit, um sich intensiv einem einzigen aktuellen rechtspolitischen Thema zu widmen.

Perspektiven aufzeigen und Gewalt ächten - Vorbild sein und Werte vermitteln

Goll nannte vor allem zwei Wege, wie der Jugendgewalt begegnet werden könne. „Die Jugendgewalt einzudämmen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Zum einen kommt es darauf an, dass wir den jungen Menschen Chancen und Zukunftsperspektiven aufzeigen, wie sie in der Gesellschaft, im Wirtschafts- und im Arbeitsleben Fuß fassen. Zum anderen müssen wir jede Form von Gewalt klar und deutlich ächten“, so Goll. Erwachsene müssten vor allem ein gutes Vorbild geben und dürften ihren Kindern durchaus christliche und humanistische Werte vermitteln, die die Grundlage unserer Kultur seien.

Passende Instrumente für kleine Gruppe von Intensivtätern

Die ganz große Gruppe der Jugendlichen verhalte sich zum Glück tadellos und gehe einen guten Weg, betonte der Minister. Umso wichtiger sei es, dass nicht die sehr überschaubare Gruppe von Intensivtätern das Bild „der Jugend von heute“ präge. „Das wäre ein Schieflage und ein völlig falscher Schluss, denn diese drei bis fünf Prozent aller Jugendlichen und Heranwachsenden sind für ein Drittel bzw. die Hälfte aller Straftaten verantwortlich, die von dieser Altersgruppe begangen wird!“, so Goll. Vor diesen wenigen nicht erziehbaren und sozialisierbaren jungen Tätern müsste die Allgemeinheit allerdings durch passende Instrumente wirksam geschützt werden. Dazu gehöre die Erhöhung des Höchstmaßes der Jugendstrafe von 10 auf 15 Jahre und die nachträgliche Sicherungsverwahrung auch im Jugendstrafrecht, sagte der Minister. Ebenfalls sollte für Täter ab 18 Jahre grundsätzlich das Erwachsenenstrafrecht und nicht, wie in 90 Prozent aller Gewaltdelikte derzeti der Fall, das Jugendstrafrecht.

Rolle der Medien

„Die Medien berichten über Gewalttaten sehr breit, umfangreich und dominant. Dagegen ist auch nichts einzuwenden und es erfolgt eine dem Einzelfall angemessene Berichterstattung, die den Schutz der Opfer beachtet und nicht zu Nachahmungstaten animiert“, so Goll. Manchmal führe der Konkurrenzdruck in den Medien allerdings auch zu diskussionswürdigen Dingen, bemerkte der Minister.. Hinzu komme, dass durch eine wiederholte Berichterstattung über einzelne Fälle eine multiplizierende Wirkung in der Kriminalitätswahrnehmung entstehe. „Das erklärt vielleicht ein wenig die Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Gewaltbedrohung.

Verbot von Killerspielen keine taugliche Lösung

Für nicht überzeugend hält der Minister die fast reflexhaften Rufe nach einem Verbot von so genannten Computer-Killerspielen. „Nach allem was wir wissen, haben solche Killerspiele in den Fällen, die im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen, überhaupt nicht die Rolle gespielt, die ein Verbot rechtfertigen würde“, teilte Goll mit. Natürlich berge die neue Medienlandschaft Gefahren für Kinder und Jugendliche, wenn der Umgang mit diesen Medien durch die Eltern nicht kontrolliert werde. Aber der Zusammenhang zwischen Killerspielen und Gewalttaten sei wissenschaftlich nicht nachgewiesen. „Ein Verbot halte ich für keine taugliche Lösung, die Gewalttätigkeit unter Jugendlichen in den Griff zu bekommen“, so Goll.

Erfolgreiche Integration entscheidend

Für alle jungen Menschen in Deutschland sei die Integration in die Arbeits- und Berufswelt ein erstrangiger Erziehungs- und Sozialisationsfaktor. Das gelte ganz besonders für junge Migranten, die unter den jungen Gewalttätern überproportional ins Gewicht fielen, erklärte der Justizminister, der auch Integrationsbeauftragter der Landesregierung ist. „Hier ist der Zusammenhang zwischen fehlender sozialer Integration und Gewalttätigkeit besonders auffällig. Ich glaube, dass wir hier vor allem über die Sprachförderrung zum Ziel kommen und darüber auch die Eltern stärker zur Erziehung locken“, sagte Goll unter Hinweis auf ein Projekt im Rahmen der Nachhaltigkeitsstrategie der Landesregierung, mit dem die Erziehungskompetenz von Eltern mit Migrationshintergrund gestärkt werden soll.

Triberger Referenten 2009

Nach der Einführung des Themas durch den Justizminister referierte Dr. Jens Hoffmann vom Institut für Psychologie der Technischen Universität Darmstadt über die Möglichkeiten einer Risikoeinschätzung und Früherkennung von zielgerichteter Gewalt und Amok an Schulen. Sodann erläuterte der Bürgermeister für Recht, Sicherheit und Ordnung der Landeshauptstadt Stuttgart, Dr. Martin Schairer, wie die Stadt Stuttgart die Jugendgewalt bekämpft. Schließlich gab der Leiter des Arxhofs, Renato Rossi, Einblicke in seine tägliche Arbeit mit jugendlichen Gewalttätern im Arxhof, einem Maßnahmenzentrum für junge Erwachsene in Basel-Land mit anschließender Diskussion über die Referate unter Moderation des Leiters der Abteilung für Strafvollzug im Justizministerium Baden-Württemberg, Ministerialdirigent Ulrich Futter.

Podiumsdiskussion

Den Abschluss des Triberger Symposiums bildete am Freitag die traditionelle Podiumsdiskussion unter diesjähriger Leitung von dpa-Redakteur Dr. Wolfgang Janisch. Auf dem Podium diskutierten die Frage, ob neue mediale Lebenswelten und ein geändertes Freizeitverhalten ein Nährboden der Jugendgewalt sei: Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll, Prof. Dr. Renate Schepker, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weißenau, der stellvertretende Chefredakteur der Computerzeitschrift c´t Jürgen Kuri, der Leiter der Polizeidirektion Waiblingen Ralf Michelfelder und Oberstaatsanwalt Gernot Blessing, Leiter der Jugendabteilung der Staatsanwaltschaft Stuttgart.

Der Bürgermeister der Stadt Triberg, Dr. Gallus Strobel, verabschiedete die Gäste mit einem Empfang im Kurhaus der Stadt.

Stefan Wirz
Pressesprecher

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