Mit Erfahrung und Fachkenntnissen Neuland erschließen



    Die Europapool-Geschichte von Herrn Stefan Böhm

„Meine Geschichte begann im Sommer 2008 mit Beginn meiner Tätigkeit in der Landesverwaltung. Unmittelbar nach meiner Verbeamtung habe ich mich für den Europapool beworben. Kurz darauf habe ich am Assessment-Center teilgenommen, einem Aufnahmeverfahren für den Pool. Zwar war eine Teilnahme nicht obligatorisch, aber gerne gesehen. Ich wurde aufgenommen und habe mein Interesse an einer kurzfristigen Abordnung an die Europäische Kommission bekundet. Relativ schnell bekam ich einen Termin für eine fünfmonatige Abordnung als Nationaler Sachverständiger in beruflichen Weiterbildung.

Schon immer habe ich mich für Europarecht und Europapolitik interessiert. Im Jurastudium spezialisierte ich mich auf Europarecht und schloss diese Fachrichtung darüber hinaus mit einem Master of Law Abschluss in London ab. Bevor ich in den Landes¬dienst einstieg, hatte ich für eine von der Europäischen Kommission finanzierte europäische Verbraucherschutzeinrichtung gearbeitet, das war in gewisser Weise mein Schwer¬punkt. Anschließend fing ich im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg an. Bereits mit Eintritt in den Staatsdienst hatte ich den Hintergedanken, die Möglichkeiten des Europapools zu nutzen. Ich war sehr froh, dass ich bereits nach einem halben Jahr seit Aufnahme in den Pool, ein Angebot für eine Entsen¬dung an die Europäische Kommission bekam.

Bewerbung und Vorbereitung

Bei der Bewerbung für eine Abordnung an die Europäische Kommission kann man Prioritäten angeben und da mein Fachgebiet Verbraucherpolitik war, meldete ich mich bei der Generaldirektion für Gesundheit und Verbraucherschutz an. Formal laufen die Abordnungen über das Auswärtige Amt, von dem ich dann angesprochen wurde, ob ich nicht Interesse daran hätte, meinen Aufenthalt im Kabinett des EU-Kommissars für Gesundheit und Verbraucherschutz zu verbringen. Ich glaube, ich wurde auch deswegen vom Kabinett ausgewählt, weil ich mich einerseits schon länger mit zwei für das Kabinett wichtigen Themenbereichen beschäftigt und andererseits schon für das Europäische Verbraucherzen¬trum gearbeitet hatte. Ich schätze, dass man im Kabinett des EU-Kommissars Interesse an jemandem mit prakti¬schem Hintergrund hatte, so wurde ich genommen.
Zur Vorbereitung auf meinen Auslandseinsatz gab es ein Gespräch im Staatsministerium, in dem ich über die Rahmenbedingungen der Entsendung informiert wurde. Ich bekam sehr viele Tipps zur Unterkunftssuche und anderen praktischen Dingen. Einen speziellen Kurs gab es nicht, dafür aber sehr viele, hilfreiche und unterstützende Kon¬takte. Die rein organisatorischen Fragen wurden ausgezeichnet geklärt. Eine inhaltliche Vorbereitung gab es nicht, aber Ziel der Abordnung ist ja auch, dass man seine Fachqualifikationen auf europäischer Ebene einbringen kann, so dass eine inhaltliche Vorbereitung auch gar nicht viel gebracht hätte. Gut vorbereitet fühlte ich mich auch durch meinen einjährigen Aufenthalt in England und meine zwei Jahre, die ich zuvor in Frank¬reich gelebt hatte. Ich habe es mir zugetraut, in beiden Sprachen zu arbeiten, was auch geklappt hat. Ein vorbereitendes Gespräch mit der damaligen Leiterin der Landesvertretung Baden-Württembergs in Brüssel vor Antritt meiner Tätigkeit hat mir ebenfalls geholfen.

Neuland

Der organisatorische Rahmen war sehr gut vorbereitet, aber die Arbeit an sich war dann schon Neu-land für mich. Ich war Teil eines kleinen Beraterstabs des damaligen EU-Kommissars für Gesundheit und Verbraucherschutz, John Dalli, und somit mittendrin im europäischen Entscheidungsprozess, das war schon eine ganz neue Erfahrung.
Der Entwurf einer EU-Verordnung zur Online-Schlichtung sowie einer Richtlinie zur außergerichtlichen Streitbeilegung sollte zu der Zeit meiner Entsendung von der Kommission veröffentlicht werden und zwischen den Gene¬raldirektionen und Kabinetten lief gerade die Ressortabstimmung. Für eine Mentorin, die mir zugewiesen wurde, habe ich die Themen aufbereitet. In der Kommission haben die Kabinettsmitglieder einen fachlichen Zuständigkeitsbereich innerhalb der Generaldirek¬tion, die sie betreuen. Bei mir war das die Verbraucherpolitik. Darüber hinaus prüfen sie auch Vorschläge aus anderen Generaldirektionen und Kabi¬netten und müssen dabei die Interessen ihres Kommissars vertreten. Für unseren Bereich habe ich daher mögliche Interessenkonflikte mit Zuständigkeitsbereichen anderer EU-Kommissare herausgearbeitet, damit Konfliktpunkte möglichst frühzeitig auf Ebene der Kabinette ausgeräumt werden konnten.

Ansonsten war ich aber auch phasenweise so etwas wie ein besserer Praktikant, da man in fünf Monaten nicht als vollwertiges Mitglied mitarbeiten kann. Als Beobachter konnte ich aber an allen Besprechun¬gen teilnehmen und so auch Unterschiede zur Arbeit im baden-württembergischen Ministerium erleben. Anders als in deutschen Ministerien sind die Kabinette und Generaldirektionen, also die Verwaltungs- und die politische Ebene, schon allein räumlich getrennt und das Verhältnis ist deutlich konfrontativer. Es war sehr spannend, diese unterschiedliche Arbeitskultur in der Europäischen Kommission kennenzulernen.

Wichtige Kenntnisse und Kompetenzen

Die Sprachkenntnisse sind bei einer solchen Tätigkeit das A und O. Man sollte fließend Englisch und Französisch beherrschen, in Wort und Schrift. Hinzu kommt eine gewisse interkulturelle Erfahrung, weil das Arbeitsumfeld schon sehr international ist. Mein Kommissar damals kam aus Malta, meine Mentorin war Italienerin, es gab Deutsche, Österreicher, eine Portu¬giesin. Da ist schon eine gewisse Toleranz hilfreich. Eine internationale Umgebung war mir zwar nicht fremd, neu aber war, dass aus allen EU-Mitgliedstaaten verschiedene Leute da waren und es Unterschiede bei den Arbeitsweisen gab. Da braucht man sehr viel Offenheit und Toleranz. Die Kernarbeitszeit im Kabinett zum Beispiel ist zwischen 09.00 und 19.00 Uhr. Der Mitteleuropäer würde vielleicht bevor¬zugt um 08.00 Uhr anfangen und dafür ein bisschen eher aufhören. Aber es ist generell in Brüssel so, dass es etwas später losgeht, dann aber auch länger dauert. Auch abends spät kann man im Kabinett jeman¬den erreichen, daran musste ich mich erst einmal gewöhnen. Hinzu kommt die Arbeitsleistung, deren Niveau schon ziemlich hoch ist. Bei Besprechungen hatten manche zwei Tablets und das Smartphone dabei und erledigten gleich zwei, drei Sachen gleichzeitig. Die Leute, die dort arbeiten, sind schon sehr leistungsstark, motiviert, sehr gut ausgebildet und in der Regel mehrsprachig mit internationaler Erfahrung.

Herausforderungen und Unterstützung

Für kurzfristige Abordnungen an die Europäische Kommission bekommt man einen Mentor zugewiesen und arbeitet in einem Team, mit dem man sich austauschen kann, so war das auch bei mir. Ich fühlte mich in meinem Umfeld gut eingebunden und ab und zu haben wir uns auch privat getroffen. Wegen der langen Arbeitszeiten im Kabinett kam bei mir vielleicht im Vergleich zu anderen nationalen Sachverständigen das Leben drumherum etwas zu kurz. Ich kam abends oft nicht mehr dazu, noch zu Veranstaltungen zu gehen. Dafür bekam ich aber einen sehr privilegierten Einblick in die Arbeitsweise der Europäischen Kommission.

In Brüssel

In der Theorie wusste ich von vielen Arbeitsabläufen auf europäischer Ebene, hatte aber noch keine Erfahrung mit der Praxis. Während meiner Zeit in Brüssel erhielt ich hier sehr wertvolle Einblicke. Inzwischen weiß ich, wie das Leben und die Kommunikation dort stattfinden. Ich glaube, etwa 50.000 Menschen arbeiten in Brüssel im Umfeld der europäischen Institutionen. Das Arbeitsumfeld ist sehr interessant, hat aber auch etwas Künstliches. Durch die vielen Wechsel sind alle sehr offen. Zwar kommt man leicht in Kontakt und kann sich schnell integrieren, aber ich kann mir vorstellen, dass es nicht so einfach ist, gute Freundschaften zu schließen, wenn man dauerhaft dort lebt.

Die Rückkehr

Nach den fünf Monaten ging ich zunächst zurück auf meine alte Stelle im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz. Sechs Monate später wechselte ich dann in die Verwaltung des Landtags von Baden-Württemberg. Im Landtag bin ich nun als EU-Referent tätig und unterstütze den Ausschuss für Europa und Internationales. Meine in Brüssel gemachten Erfahrungen helfen mir bei dieser Tätigkeit sehr. Was vermisse ich? – Die belgischen Pralinen … Es gibt so ein paar Annehmlichkeiten wie leckeres Essen, Süßigkeiten, einige nette Leute, die ich kennengelernt habe. Aber ich lebe auch sehr gerne hier und ich kann nicht sagen, dass mir in Stuttgart etwas fehlt.

Erfolgsstory und Lernerfolge

Zunehmend gibt es Europastellen in der Landesverwaltung, jedes Ministerium hat ein Europareferat, das Staatsministerium sogar eine ganze Europaabteilung und auch im Landtag wird EU-Themen immer mehr Bedeutung beigemessen. Internationale, europäische Erfahrung wird daher immer wichtiger, auch um Landesinteressen besser geltend machen zu können. Das kann man am besten, wenn man Leute hat, die wissen, wie die Spielregeln dort funktionieren. Man kann auch viel von einem Einsatz auf europäischer Ebene lernen. Sehr beeindruckt hat mich zum Beispiel die elektronische Aktenführung bei der Europäischen Kommission, das ist sehr effizient und auch umweltschonend. Persönlich hat mir der Aufenthalt sowohl privat als auch beruflich genutzt. Auf jeden Fall war es eine bereichernde Lebenserfahrung, die ich nicht missen möchte.

Botschaft an Europapool-Interessierte

Wer sich für den Europapool interessiert, sollte sich auch aktiv melden.

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